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Reaktive Etiketten: Nur nicht rot werden

Etiketten können immer mehr: beispielsweise ihre Farbe ändern, damit der Verbraucher weiß, wie frisch der Fisch oder das Fertiggericht ist. Was reaktive Etiketten sonst noch können, wie sie funktionieren und welche Chancen sie Verpackungsspezialisten bieten, erläutert Kishore Sarkar vom Schweizer Etiketten-Spezialisten Gallus-Gruppe.

Herr Sarkar, haben reaktive Etiketten einen echten Nutzen, oder sind sie eher ein Gimmick?
Kishore Sarkar:
Etiketten mit einem sogenannten Time Temperature Indicator (TTI) sind vor allem in der Lebensmittelindustrie besonders wertvoll. Sie zeigen Abweichungen von der optimalen Kühltemperatur an, indem sie bei Temperaturänderungen ihre Farbe wechseln. Daran sieht der Verbraucher, ob die Kühlkette unterbrochen wurde und wie lange das Produkt noch genießbar ist. Das ist gerade bei leichtverderblichen Waren wie frischem Fisch, Fleisch und bei Fertiggerichten nützlich.

Wie funktioniert das?
Sarkar:
Erfordert Fisch beispielsweise eine Kühlung bei fünf Grad Celsius, die tatsächliche Temperatur liegt aber um ein bis fünf Grad höher, dann färbt sich ein ursprünglich gelbes Etikett orange bzw. rot, oder ein dunkelblaues wird hellblau. Dieser Farbwechsel ist irreversibel: Auch wenn das Lebensmittel wieder die "richtige" Temperatur erreicht, bleibt das rote Etikett rot.

Also ist kein Schummeln möglich …
Sarkar: Nein, und das ist gut so. Denn hier geht es ja nicht nur um einen Service für den Endkonsumenten, sondern vielmehr um den Verbraucherschutz und eventuelle Haftungsansprüche. Die Etiketten sind auch ein Kontrollinstrument für den Handel und die beteiligten Logistikunternehmen. Diese sind in manchen Ländern, wie beispielsweise den USA, vom Gesetzgeber dazu verpflichtet, die Qualität gekühlter Lebensmittel über die gesamte Wertschöpfungskette rückverfolgbar zu machen.
Etiketten mit einem so genannten Time Temperature Indicator, der Temperaturabweichungen und damit die Frische eines Produkts anzeigt.
Etiketten mit einem so genannten Time Temperature Indicator, der Temperaturabweichungen und damit die Frische eines Produkts anzeigt.
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Wie funktioniert der "Farbwechsel"?
Sarkar:
Der Temperaturbereich, in dem sich die gedruckte Farbe ändert, ist individuell über die Druckfarbenzusammensetzung einstellbar. Hierzu werden Farbpigmente kalibriert, damit sie bei bestimmten Temperaturen ihre chemische Struktur verändern und somit das Licht andersfarbig - dunkler oder blasser - reflektieren. Es gibt momentan Farben für zwei Temperaturbereiche: Zum einen von null bis vier Grad Celsius für Fleisch-, Molkerei- und Convenience-Produkte, die vier bis 14 Tage haltbar sind. Und zum anderen von fünf Grad Celsius für Fisch- und Fleischprodukte, die fünf Tage gelagert werden.

Welche Druckverfahren kommen dafür in Frage?
Sarkar:
Die Etiketten werden meist im wasserbasierenden Flexodruck oder UV-Flexodruck hergestellt. Der konventionelle Offsetdruck eignet sich weniger, weil die reaktiven Etiketten mehr Farbauftrag erfordern. Das liegt daran, dass die Farbpartikel von einer schützenden Mikrokapsel umhüllt und dadurch größer als "normale" Farbpartikel sind. Ich bin aber sicher, dass in wenigen Jahren solche Farben mit Hilfe von Nanotechnologie auch im Offsetverfahren gedruckt werden können.

Gibt es besondere Anforderungen an die Drucker, etwa was die Raumtemperatur bei Produktion und Lagerung betrifft?
Sarkar:
Nein. Die Farbe beziehungsweise die schützende Mikrokapselschicht wird erst beim Verpacken aktiviert - mit Hilfe von LED-UV-Licht.
Wie schätzen Sie das Markpotenzial ein?
Sarkar:
Auf jeden Fall wachsend. Denn der Einzelhandel treibt den Einsatz von reaktiven Etiketten voran. In England, der Schweiz und den USA sind solche Verpackungen weit verbreitet und von den Verbrauchern sehr geschätzt. Auch in Deutschland und Australien werden sie bereits für einige Produkte eingesetzt. Vor allem in Europa wird die Nachfrage weiter steigen. Schon deshalb, weil hier der Absatz von gekühlten Fertiggerichten (Convenience Food) überproportional wächst. Allerdings funktionieren reaktive Etiketten noch nicht für Tiefkühlprodukte. Für diesen Tempertaturbereich muss erst noch die entsprechende Druckfarbe entwickelt werden. Künftig wird auch die Pharma- und Gesundheitsbranche vermehrt reaktive Etiketten einsetzen, etwa beim Transport von Blutkonserven oder temperaturempfindlichen Medikamenten.

Wo kann man reaktive Etiketten noch einsetzen?
Sarkar:
Bei Verpackungen, in denen das Füllgut in einer definierten Atmosphäre aufbewahrt und verkauft wird. Hierzu verwendet man Pigmente wie Nanosilberpartikel. Diese reagieren nämlich auf Gase, die beim Verderbprozess entstehen. Nehmen wir Frischfisch. Wenn der verdirbt, entsteht Schwefelwasserstoff. Die Nanosilberpartikel reagieren mit dem Schwefelwasserstoff zu Silbersulfid und ändern dadurch ihren Farbton.

Und im Marketing?
Sarkar:
Hier eignen sich sehr gut mit Thermochromfarben gedruckte Etiketten. Sie zeigen an, ob ein Getränk, beispielsweise Wein oder Bier, die richtige Serviertemperatur hat. Diese Etiketten sind vor allem in den USA auf Bierflaschen weit verbreitet. Auch auf Alkopopgetränken in Discos oder Bars werden sie verwendet: Bei einer bestimmten Kühltemperatur leuchtet das Produktlogo auffällig. Thermochromfarben sind reversibel. Das heißt, sie können ihre Farben immer wieder ändern, zum Beispiel von Blau auf Rot und auf Blau zurück. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Deshalb ist auch der Drucker angehalten, seine Kunden aufzuklären und zu beraten.

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