Beim Falzen quer denken
Die Falzerei war lange Zeit ein Stiefkind bei Kessler
Druck+Medien in Bobingen. Als Neuinvestitionen in diesem Bereich
anstanden, begann das Unternehmen, das Pferd quasi von hinten
aufzuzäumen - und kam dabei in der Druckvorstufe an. Jetzt
arbeitet Kessler Druck unter anderem mit einer Stahlfolder TD 112
mit pneumatischer Doppelstromweiche und hat dafür komplett
neue Ausschießschemata entwickelt.
"Machen Sie doch einfach die Probe aufs Exempel": Arnfried Sittner,
Geschäftsführer von Kessler Druck+Medien in Bobingen bei
Augsburg, weiß, dass man die Dinge buchstäblich begreifen
muss, um sie zu verstehen. Und dann lässt Sittner falzen: ein
DIN-A5-Blatt viermal klassisch im Kreuzbruch, ein weiteres Blatt
erhält erst über die Querseite einen Zickzackfalz,
anschließend Zickzack über die Längsseite und noch
einmal zur Hälfte. Das Ergebnis: Nicht nur erweist sich die
letztere Methode als wesentlich materialschonender und
präziser, es lassen sich so auch vier Seiten mehr aus dem
Bogen herausholen - statt 32 sind es plötzlich 36 Seiten. In
der realen Produktion mit 3b-Bogen bedeutet das: weniger Bogen und
weniger Signaturen bei gleichem Umfang. Zudem wird so in der
gleichen Laufrichtung gefalzt wie auch gedruckt wird.
Die Voraussetzungen dafür sind neue
Ausschießschemata und die Möglichkeit, beim Falzen den
Bogen quer anzulegen - was im Endeffekt für eine höhere
Produktivität sorgt. Oder anders gesagt: ein komplettes
Umdenken dessen, was bisher gang und gäbe war.
Neuer Denkansatz. Lange Zeit war die Falzerei bei Kessler
ein Stiefkind - wie bei den meisten Bogendruckereien, so Sittner.
Die Technik war veraltet, die Prozesse nicht so effizient, wie sie
sein könnten. "Wir haben uns zunächst einmal
grundsätzlich Gedanken gemacht", erklärt Arnfried
Sittner. "Grundsätzlich" heißt für Kessler, dass zum
einen Durchsatz, Leistung, Portfolio und Quantität unter die
Lupe genommen wurden. Es heißt aber auch, dass die Falzerei
beziehungsweise die gesamte Weiterverarbeitung nicht isoliert
betrachtet werden können. Der Denkansatz, den das Unternehmen
in seiner Produktion verfolgt, ist ganzheitlicher: "Wir verarbeiten
nicht nur Daten, wir drucken nicht nur, wir verarbeiten nicht nur -
wir fertigen Druckprodukte", sagt Sittner. "Also denken wir auch
vom Produkt her."
Im Zentrum dabei steht für Arnfried Sittner das
Material, mit dem gearbeitet wird - das Papier. Sein Credo: "Papier
ist ein lebendiger Werkstoff und je weniger dieser Werkstoff
beansprucht und in die Hand genommen werden muss, desto
reibungsloser funktioniert die Verarbeitung." Das fängt bei
der Anlieferung von der Papierfabrik an und zieht sich durch den
gesamten Produktionsprozess. So arbeitet Kessler beispielsweise mit
langen Wendemaschinen, die alle ausgestattet sind mit
Preset-Plus-An- und Auslegern von Heidelberg, wodurch sich die
manuellen Eingriffe auf ein Minimum reduzieren lassen. Somit war
der schonende Umgang mit Papier auch ein wichtiger Aspekt, als es
um die Investition in neue Falzmaschinen ging. "Wenn Sie perfekt
palettierte Bogen aus der Druckmaschine bekommen, brauchen Sie
für den materialschonenden Durchsatz auch eine Falztechnik,
die es ermöglicht, diese Palette nicht mehr anfassen zu
müssen. Sonst bringt Ihnen der ganze Prozess im Vorfeld
nichts", ist Sittner überzeugt. "Dieses materialschonende
Handling bedeutet schnellere Produktion, es bedeutet höhere
Qualität, es bedeutet weniger Fehlerquellen und kurze
Reaktionszeiten."
TD 112 mit Doppelstromweiche. Unterstützt sieht sich
Sittner in seinem ganzheitlichen Ansatz von den Entwicklungen der
Heidelberger Druckmaschinen AG - in Vorstufe und Druck wie auch in
der Druckweiterverarbeitung. Heidelberg habe es verstanden, mit
Papier einmal anders umzugehen, erklärt Sittner. "Das hat uns
sehr beeindruckt."
Und schließlich ist es gelungen, diesen Denkansatz in
Technik umzusetzen: In die Stahlfolder der TH- und TD-Serie mit der
pneumatischen Doppelstromweiche, die Heidelberg auf der Ipex 2010
vorgestellt hat und die jetzt bei Kessler Druck+Medien mit der TD
112 im Einsatz ist. Mit dieser Technik ist es möglich, die
Falzbogen quer anzulegen und gleichzeitig die Produktivität um
rund 30 Prozent zu steigern. Zum Verständnis: Beim Queranlegen
im Anleger sowie im ersten Parallelfalzwerk kann durch die
reduzierte Einlauflänge bei gleicher Geschwindigkeit die
Produktivität gesteigert werden. Allerdings muss auf der um 90
Grad gedrehten zweiten Station wieder die volle Einlauflänge
transportiert werden. Darum war bislang eine sehr hohe
Geschwindigkeit der zweiten Station notwendig, was zu Falzproblemen
und Qualitätsminderungen führen konnte.
Mit der pneumatischen Doppelstromweiche werden nun die
Falzbogen auf der zweiten Falzstation parallel an zwei Linealen
ausgerichtet und transportiert. Auf diese Weise lassen sich doppelt
so viele Falzbogen transportieren, weshalb die Geschwindigkeit der
zweiten Station wieder um die Hälfte reduziert werden kann.
Die Qualität wird verbessert, das Material geschont und der
Falzprozess stabilisiert. Zudem ergeben sich - analog zum eingangs
genannten Beispiel - durch das Queranlegen und die entsprechenden
Ausschießschemata Möglichkeiten, die Bogen deutlich
besser auszunutzen. Bei Kessler hieß das, neue
Ausschießschemata auszuarbeiten, zu testen und einen Katalog
für die Sachbearbeiter und den Vertrieb zu erstellen, um auch
die Kunden entsprechend beraten zu können. "Wir haben unser
Produktportfolio zum Teil neu gedacht, zum Teil ergänzt, zum
Teil erweitert", sagt Sittner. Entscheidend sei gewesen, die
Produkte einmal "von hinten her" zu betrachten und dann alle
Beteiligten an einen Tisch zu holen. Besonders entscheidend ist
hier die Zusammenarbeit zwischen Druckvorstufe, in der die
Ausschießschemata erstellt werden, und
Druckweiterverarbeitung. "Als vollstufiges Unternehmen haben wir
hier einen klaren Vorteil", meint Sittner.
Sicherlich, das bestätigen Arnfried Sittner sowie Volker
Walz von Heidelberg Postpress, eignet sich die Stahlfolder TD 112
mit der Doppelstromweiche nicht für jeden Betrieb und jede
Auftragsstruktur. "Die Maschine ist ausgelegt für große
Auflagen. Wenn schnelles Umrüsten gefragt ist, kommt bei uns
die Stahlfolder KH 82 zum Einsatz", so Sittner. "Die TD 112 ist
eine Maschine für die industrielle Produktion, die ins
Firmenkonzept passen muss."
Martina Reinhardt (Deutscher Drucker Nr. 12, 2011)
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