Schwärzer als schwarz
Der Berliner Lithograf und Drucker Dieter Kirchner sorgt mit
"Skia Photography" für Furore: Das von ihm entwickelte
Fotodruckverfahren macht Details sichtbar, die auf konventionellen
Reproduktionen nicht erkennbar waren. Wie das funktioniert,
erläutert Kirchner im Interview.
Dieter Kirchner, ein Mittsechziger mit schneeweißem Haar
und Vollbart, beugt sich über den Ausdruck der Fotografie. Mit
einem Spektralfotometer misst er die Tiefe des Schwarz auf dem
druckfrischen Bogen im Heidelberg Print Media Center in Wiesloch.
"Knapp 2,7 Dichte. Es geht noch etwas schwärzer", murmelt er.
Kirchner ist ein Meister des Fotodrucks: Seit Jahren
beschäftigt er sich damit, Farbräume drucktechnisch so zu
erweitern, dass sie dem Spektrum der von den menschlichen Sinnen
wahrnehmbaren Farben so nahe wie möglich kommen. Der Messwert
3,0 ist ein absolutes Schwarz und entspricht dem maximalen
Kontrastumfang des menschlichen Auges. Bei einem Dichtewert von 2,2
fangen wir an, Schwarz zu sehen.
Herr Kirchner, haben Sie mit Skia Photography die Grenzen der
Bildwahrnehmung des menschlichen Gehirns erreicht?
Kirchner: Ja. Die Skia-Abzüge sind die fotografischen
Bilder, von denen ich mein ganzes Leben geträumt habe.
Herkömmliche Handabzüge haben nur einen begrenzten
optischen Bildumfang. Rund ein Drittel bleibt unsichtbar. Das
Skia-Photography-Verfahren erreicht dagegen einen Bildumfang, der
an der Wahrnehmungsgrenze des Sehens liegt. Das Gehirn erfasst
einen Bildumfang von ca. 3,0 optischer Dichte. Im Skia-Abzug
erreicht man in Abhängigkeit vom Negativ optische Dichten
zwischen 2,8 und 3,0. Damit lassen sich zum ersten Mal alle von der
Kamera erfassten Details auf den Abzug übertragen. Nie zuvor
gab es fotografische Abzüge mit einer solchen Tiefenzeichnung
und einem so großen Tonwertumfang.
Vorher unsichtbare Details wie feine Barthärchen werden
plötzlich sichtbar. Wie schaffen Sie das?
Kirchner: Das räumliche Sehen ist abhängig vom
Simultan- und Bildkontrast und damit letztlich auch von der
Intensität der optischen Dichte. Das heißt, je
größer die optische Bilddichte ist, desto stärker
ist auch das räumliche Sehen. Feinste Detailzeichnungen wie
Härchen verschwinden optisch bei einem nicht räumlichen
Bild in der Umgebungsdichte. Durch die Räumlichkeit des
Skia-Bildes kommen sie optisch nach vorne und werden dann für
den Betrachter wahrnehmbar.
Welche Technik steckt hinter Skia Photography?
Kirchner: Die Negative, Dias oder Raw-Daten werden in
zwei unterschiedlichen digitalen Datensätzen erfasst. Eine
elektronische Dunkelkammer berechnet die für den Druckprozess
entwicklungsrelevanten Gammakurven. Daraus entstehen bis zu
fünf Datensätze. Zwei Datensätze bilden in der
Druckmaschine das Schattenbild, zwei weitere bilden den
Tonwertumfang. Ihnen farblich zugeordnet sind die
Entwicklersubstanzen Hydrochinon und Metol. Dadurch kann ich dann
in der Druckmaschine Bildumfang, Tiefenzeichnung, Tonwertumfang und
Sättigung getrennt nach Blendenwerten ansteuern. Das erfordert
natürlich eine exakte Tonwertübertragung in der
Druckmaschine. Dies wird mithilfe eines neuen
Standardisierungsverfahrens erreicht, das ich vor ein paar Jahren
entwickelt habe. Die Druckmaschine wird damit zur
Entwicklungsmaschine.
Warum drucken Sie ausgerechnet mit Druckmaschinen von
Heidelberg?
Kirchner: Wegen ihrer Konstruktionsmerkmale. Die Maschinen
von Heidelberg sind durch ihre durchgängig
gleichmäßige Wasserverteilung in Druckrichtung
prädestiniert dafür. Das erlaubt eine extreme
Genauigkeit der Tonwertdifferenz, die zwischen 0 und 1% liegt. In
Verbindung mit der PAN4C-Standardisierung kann ich den Druckprozess
exakt kontrollieren. Ich kann beispielsweise bei den Tiefen eine
halbe Blende auf- oder zumachen oder die Mitteltöne über
Blendenvorgabe verändern. Das ist nur mit der kurzen
Reaktionszeit der Druckmaschine möglich.
Im Münchener Moser Verlag ist bereits das erste Buch mit
original Skia-Photography-Abzügen erschienen. Wie kam es
dazu?
Kirchner: Das erste Buch ist von Ulrich Mack über das
Ruhrgebiet mit Aufnahmen von 1959. Hintergrund sind die
Fotobücher des 19. Jahrhunderts. Hier wurden
Originalabzüge, wie Albumin oder Kalotypien, eingeklebt. Mit
Skia Photography entstehen wieder Fotobücher, in geringer
Auflage, die dem Betrachter die Originalfotografien zeigen. Damit
entsteht in der allgemeinen Flut der Fotobände wieder das
besondere Buch, das einen neuen Dialog zwischen Betrachter und Bild
ermöglicht.
Wie kann die Entwicklung von Skia Photography den Offsetdruck
beeinflussen, und wie sehen Sie die Zukunft des Offsetdrucks?
Kirchner: Skia Photography zeigt uns, das sich der
Offsetdruck nicht nur für den preiswerten Massendruck, sondern
auch für höchste, bisher nicht vorstellbare
Bildqualität eignet. Damit sind die Grundlagen für die
Druckqualität der Zukunft geschaffen. Ich glaube, dass die
Entwicklungsgrundlagen von Skia Photography in kurzer Zeit in die
Offsetdrucktechnologie einfließen werden und der Offsetdruck
auch in Zukunft die wichtigste und kreativste Druckart bleibt.
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