Der Mann für alle Fälle
Der ehemalige Produktmanager von Heidelberg Hans-Dieter Gauert
ist auch mit 70 Jahren noch immer aktiv: Als "Senior
Experte" unterstützt er Druckereien rund um den Globus
mit seinem Fachwissen. Und wenn's sein muss, verlegt er auch schon
mal eine Wasserleitung. Selbstverständlich ehrenamtlich.
Alles begann mit der Zeitschrift "Senioren
Ratgeber", die Gauerts Frau in der Apotheke entdeckte und mit
nach Hause nahm. Darin war ein Artikel über den SES (Senior
Experten Service). Die gemeinnützige Organisation vermittelt
berufserfahrene Ruheständler zu Hilfseinsätzen in
Schwellenländer. Gauert war sofort begeistert von der
Möglichkeit, seinen größten Leidenschaften auch im
Ruhestand nachgehen zu können: dem Drucken und dem Reisen.
Schon während seiner Tätigkeit bei Heidelberg hat er mit
seiner Familie lange Zeit im Ausland gelebt - unter anderem elf
Jahre in Südafrika. Inzwischen hat Gauert bereits einige
Einsätze als Senior Experte hinter sich, beispielsweise war er
in Litauen, Indonesien, Aserbeidschan, Ghana, Kambodscha, Sambia,
Thailand, Rumänien und auf den Philippinen.
Herr Gauert, einer Ihrer letzten Einsätze führte Sie
auf die Philippinen. Was haben Sie dort gemacht?
Gauert: Ich war in Manila. Der katholische
Salesianer-Orden Don Bosco unterhält dort eine Schule mit
einem Berufsausbildungszentrum für rund 4.000 Jugendliche. Der
Orden wollte, dass ich die Verfügbarkeit der Maschinen in der
hauseigenen Druckerei verbessere, wo die Schulbücher gedruckt
werden. Dort kam es häufig zu Produktionsausfällen.
Außerdem sollte ich das Personal schulen.
Wie gehen Sie bei solchen oder vergleichbaren Einsätzen
vor?
Gauert: Erst einmal mache ich eine Bestandsaufnahme: In
welchem Zustand sind die Maschinen, wie sieht die Infrastruktur aus
- Wasser, Strom, Papier und Platten -, wie wird gearbeitet? Zum
Beispiel liefen in Manila die beiden gut zehn Jahre alten
Speedmaster Maschinen von Heidelberg, eine SM 74 und eine SM 102,
noch ganz ordentlich. Die Rollenoffsetmaschine und die alte KOAD,
die zum Lackieren verwendet wurde, waren dagegen in einem
furchtbaren Zustand. Zudem gab es keinerlei Schmier- oder
Wartungspläne für die Maschinen. Deshalb habe ich
für die SM 102 einen Ordner erstellt, mit genauen Angaben
darüber, wann welche Teile zu schmieren, zu putzen oder zu
warten sind. Nach diesem Modell mussten die Drucker dann die
Pläne für die anderen Maschinen erstellen.
Also Hilfe zur Selbsthilfe, aber: Dieses Problem hätte der
Betrieb doch auch selbst lösen können ...
Gauert: Der Punkt ist: Es hat eben keiner gemacht. Viele
meiner Auftraggeber können sich nur gebrauchte Maschinen
leisten und arbeiten mit teilweise heruntergewirtschafteten
Maschinen oder Tiegeln der verschiedensten Hersteller. Da fehlt
meist schon beim Kauf die Bedienungsanleitung. Und wenn sie dabei
ist, schaut selten jemand rein. Deshalb ist es auch am
effektivsten, bei Schulungen oder im Unterricht keine
PowerPoint-Präsentationen zu zeigen, sondern direkt an der
Maschine vorzuführen, wie zum Beispiel ein Druckzylinder zu
reinigen ist.
Was machen Sie, wenn die erforderlichen Ersatz- oder
Serviceteile vor Ort nur schwer oder gar nicht zu beschaffen sind?
Gauert: Während meiner "Afrika-Jahre"
habe ich gelernt, mit Unzulänglichkeiten auszukommen.
Perfektionisten wären entsetzt, wie ich manchmal Dinge zum
Laufen bringe. Doch wenn sich ein Betrieb keine teuren Ersatzteile
oder Handwerker leisten kann, dann greift man halt schon einmal zum
Gummibändchen, um Unebenheiten am Druckzylinder auszugleichen.
Manchmal verlege ich auch Elektro- oder Wasserleitungen selbst, wie
etwa in Sambia. Die Druckerei dort hatte kein fließendes
Wasser. Die Leute mussten mit den Druckplatten immer über den
Hof laufen zu einer alten Toilette. Wenn es regnete, wurden die
Platten schon vorher nass. Also haben wir uns auf dem Markt das
Nötige besorgt und dann einen Zu- und Ablauf sowie ein
Duschbecken installiert.
Woran hapert es denn noch häufig?
Gauert: Oft reicht das Budget nicht bis zum Jahresende.
Es fehlt Geld für Papier oder Platten. Dann muss ich
herausfinden, was verkehrt läuft. Manchmal kommen noch
Qualitätsprobleme hinzu, wie bei einer Kartonagendruckerei in
Indonesien. Diese erhielt ständig Reklamationen von Kunden.
Das Problem lag im Postpress-Workflow: Die Standorte der Maschinen
fürs Stanzen, Falzen und Faltkleben und Verpacken waren nicht
optimal gewählt. Dadurch waren die Transportwege zu lang, und
die fertigbedruckten Produkte scheuerten auf.
Sie unterstützen also nicht nur gemeinnützige
Betriebe?
Gauert: Nein, aber denen helfe ich bevorzugt. Bevor ich
mich entscheide, erkundige ich mich immer erst bei der
zuständigen Niederlassung von Heidelberg über den Kunden:
Welche Ausstattung hat er? Verdient er ehrenamtliche Hilfe?
Wie lange dauern Ihre Einsätze?
Gauert: Ich mache meistens zwei bis drei Einsätze
von jeweils zwei bis vier Wochen Dauer. Das halte ich für
besser als einen langen Aufenthalt. Denn beim ersten Einsatz fehlen
ja oft Dinge wie Ersatzteile. Die besorge ich dann, damit sie
für den Folgeaufenthalt zur Verfügung stehen und ich
zeigen kann, wie ein bestimmter Ablauf funktioniert.
Welche Fähigkeit ist am wichtigsten?
Gauert: Das komfortable Leben von zu Hause vergessen und
sich auf die Menschen vor Ort einlassen. Außerdem muss man
Geduld haben und improvisieren können.
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