Auch unter den Druckprodukten gibt es raffinierte
Verführer. Sie erwecken Lust, sie zu berühren, zu
fühlen und zu riechen. Allen Unkenrufen zum Trotz erlebt der
Printbereich einen wahren "Sinnlichkeitsboom" - und
erfindet sich selbst damit wieder neu. Doch was schafft diese
unwiderstehliche Anziehungskraft?
Hoffentlich sieht mich niemand. Schließlich ist das
Wartezimmer übervoll. Doch ich kann es einfach nicht lassen.
Zu verlockend schimmert der zarte Schmelz, dieser samtige Glanz der
einzelnen Schokoladenrippen, die sich mir vom mattweißen
Untergrund geradezu entgegenwölben. Und erst dieser
betörende Duft nach feinsten Criollo-Bohnen.
Unwillkürlich läuft mir das Wasser im Munde zusammen.
Zentimeter um Zentimeter schiebt sich mein Kopf in Richtung der
schokobraunen Verheißung. "Beiß rein!",
hämmert mein Hirn. Doch da blättert mein Sitznachbar auch
schon die Seite in seiner Zeitschrift um.
Solche Reaktionen passieren tagtäglich. Mehr denn je
entpuppen sich Druckprodukte wie Verpackungen, Zeitschriften oder
Broschüren als subtile Verführer, die unsere Sinne
ansprechen. Die eine Anziehungskraft haben und ein Verlangen
auslösen, das einfach Lust macht. Die Wiener Motivforscherin
Dr. Helene Karmasin spricht daher auch von
"Produkt-Erotik". Dabei geht es um die Frage: Wie kann
man Marken, Produkte oder Dienstleistungen sinnlich wahrnehmen?
"Verpackungen und Druckprodukte sind hochkomplexe
Zeichensysteme, die eine Botschaft vermitteln, und zwar über
ihre Form, Größe, Farbe, Beschriftung, Bebilderung und,
ganz entscheidend, über das Material. Die Verbraucher
verknüpfen daher neben rationalen Funktionen wie Information
oder Schutz immer auch psychologisch-emotionale Erwartungen mit
einer Verkaufsverpackung oder einem Druckprodukt",
erläutert Karmasin.
Im Kopf des Kunden
Wie die Neurobiologie zeigt, verarbeitet die linke
Hälfte unseres Gehirns vorrangig "logische" Impulse,
während die rechte Gehirnhälfte vor allem emotionale
Reize aufnimmt. Je mehr Sinne ein Produkt anspricht, desto
höher ist die Wahrscheinlichkeit, am Point of Sale
aufzufallen. So liegt etwa die Markenloyalität bei Produkten,
bei denen sich Konsumenten an mehrere Sinneseindrücke
erinnern, mit 60 Prozent doppelt so hoch als bei Produkten, die nur
einen Sinneseindruck vermitteln. "Weil viele funktionale
Unterschiede ausgereizt sind, müssen Produkte auf der
emotionalen Ebene über alle unsere Sinneskanäle
begehrenswert gemacht werden", betont Karmasin. Das Credo
lautet: sehen, fühlen, hören, riechen, schmecken.
Mehrwert durch emotionale Reize
Gedruckte Sinnlichkeit zu inszenieren eröffnet
Druckereien die Chance, sich von anderen Medien und dem Wettbewerb
abzugrenzen sowie Drucksacheneinkäufern ein besonderes
Druckerlebnis mit Mehrwert zu bieten.
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Sehen: Die meisten der Rezeptoren des menschlichen
Körpers befinden sich im Auge, so dass ein entsprechend
hoher Anteil aller empfangenen Informationen als Bilder
aufgenommen und spontan verarbeitet wird. Dies geschieht in der
Regel innerhalb weniger Sekunden, wenn nicht gar
Sekundenbruchteilen. Produkte müssen deshalb mit
Spezialeffekten sowie ausgefallenen Formaten und Materialien aus
der Masse hervorstechen und die Aufmerksamkeit des Kunden auf
sich ziehen.
Mögliche Veredelungsarten: Lacke (z.B. Glitter-,
Struktur-, Relief-, Drip-off- oder Spotlack), Kalt- und
Heißfolie, Kaschieren und Laminieren. Der Einsatz von
besonderen Farben (z.B. hochpigmentiert oder Hexachrome) und
Rastern.
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Fühlen: Untersuchungen zeigen, dass Produkte, die
eine angenehme Haptik vermitteln, denen ohne positives
Tastgefühl vorgezogen werden. Eine besondere Haptik
lässt sich erzeugen durch die Wahl des Bedruckstoffes
(Papier, Karton, Folien, Schaumstoffe usw.), durch
Beschichtungen, Beflockung, Stanzen, Prägen, Perforieren,
aber auch durch Relief- und Strukturlack und Thermofarben.
Letztere bieten einen gesteigerten Überraschungseffekt, da
sie bei verschiedenen Temperaturen oder beim Berühren die
Farbe ändern.
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Hören: Auch der Klang des Papiers, beispielsweise die
Lautlosigkeit oder das Rascheln beim Umblättern, hat
Einfluss darauf, wie ein Druckprodukt wahrgenommen wird.
Beispielsweise vermittelt ein satter Laut beim Öffnen von
Faltschachteln den Konsumenten das Gefühl von Frische,
Stabilität und Qualität.
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Riechen: Bei Duftlacken werden Duftstoffe in mikroskopisch
kleine Kapseln verpackt. Diese öffnen sich durch Reiben,
Kratzen oder Schneiden, so dass sich die Aromen entfalten
können, um die Botschaft des Druck-Sujets zu
verstärken. Als bewährter "Nasenschmeichler"
hat sich der Duft von frisch gemahlenem Kaffee etabliert,
der - z.B. als Duftlack auf Werbe-Flyern oder Kalendern -
zum Kauf oder Trinken von Kaffee verführt.
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Schmecken: Unsere Geschmacksnerven lassen sich
beispielsweise durch Produkte aus essbarem Papier oder durch mit
Aromen versetzte Lebensmittelklebstoffen ansprechen. Durch
Ablecken gelangen die Geschmackspartikel auf die Zunge und
aktivieren die dort versteckten Sinneszellen. So plante die
Schweizer Post im Jahre 2001, Briefmarken auf den Markt zu
bringen, die nach Schokolade schmecken. Die geplante
"süße" Gummierung wurde jedoch
fallengelassen. Zum einen aus hygienischen Gründen, zum
anderen, weil wegen zu ausgiebigen Abschleckens
erfahrungsgemäß kein Klebstoff mehr übrig
geblieben wäre ... Stattdessen wurde die Briefmarke nur mit
Duftlack veredelt. Ein kalorienfreier Genuss!
Sinnvoll "versinnlichen"
Ob und wie Druckprodukte "versinnlicht" werden, ist
immer auch eine Frage nach den Erwartungen der Zielgruppe und eine
Frage der Produktgattung. So erwarten Verbraucher bei
Kosmetikverpackungen und individualisierten Werbemails hochwertige
Ästhetik und Überraschungseffekte. Bei Verpackungen
für Waschmittel und Müsli hingegen legen Konsumenten
deutlich mehr Wert auf funktionale Aspekte wie leichte Handhabung.
Allerdings hängt die Wirkung eines Druckprodukts - also
ob seine Anmutung, Farbe oder sein Geruch als anziehend oder
abstoßend erlebt wird - auch von den (kulturellen) Werten
und Erfahrungen des Einzelnen ab. Beispielsweise finden die meisten
Europäer die in Asien sehr beliebte Durian-Frucht aufgrund
ihres Geruchs abstoßend und einen kräftig stinkenden
Käse dagegen als Hochgenuss. Während manche Asiaten
wiederum nicht nachvollziehen können, warum man sich faule
Milch in Scheiben, also Käse, aufs Brot legen sollte. Auch die
Anziehungskraft hat so ihre Tücken …