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Der Unbestechliche

Herr Wagner, die meisten Jungs kicken lieber. Sie haben sich mit 14 Jahren entschieden, Schieds-richter zu werden. Warum?
Wagner: Aus purer Neugier. Ich spiele leidenschaftlich gern Fußball und habe als Jugendlicher für meinen Heimatverein in Kriftel, einer Nachbargemeinde von Hofheim, gespielt. Aber als ich erlebt habe, wie ein Gleichaltriger als Schiedsrichter unser Spiel souverän leitete, war ich so begeistert, dass ich ihn gleich nach dem Spiel fragte, wie und wo ich den Schiedsrichterschein erwerben könne.

Auf dem Platz haben Sie es mit millionenschweren Stars wie Arjen Robben oder Kevin Kuranyi zu tun. Wie verschaffen Sie sich den nötigen Respekt? 
Wagner: Als Schiedsrichter muss man ein Spiel leiten und nicht autoritär pfeifen. Nur so baut sich eine Atmosphäre des Respekts auf, die es einem erlaubt, sich ohne Probleme durchzusetzen. Hierzu gehört das präventive Eingreifen während des Spiels durch Gestik, Mimik oder Ansprache der Spieler. Dadurch lassen sich Regelverstöße schon im Vorfeld unterbinden, weil sich die Spieler diszipliniert verhalten, was dem gesamten Spielverlauf zugutekommt.

Schiedsrichter werden fast nie gelobt, müssen aber oft als Prügelknaben herhalten. Wie gehen Sie damit um?
Wagner: Ich habe gelernt, Lob und Anerkennung neu zu definieren. Wenn nach dem Spiel keine Fernsehkameras oder Reporter auf mich warten, habe ich höchstwahrscheinlich eine sehr gute Leistung geboten. Dann kann ich mich so fühlen wie ein Stürmer, der drei Runden durchs Stadion getragen wird.

Unter der Woche managen Sie Projekte, und am Wochenende müssen Sie als Unparteiischer 90 Minuten voll konzentriert auf Ballhöhe sein. Wie halten Sie sich körperlich und mental fit?
Wagner:
Der Beruf und die Schiedsrichtertätigkeit funktionieren für mich wie ein Doppelpass. Ich kann viele Erfahrungen in beiden Bereichen verwenden. So groß sind die Unterschiede nicht: Auch Schiedsrichter managen Projekte, haben in erster Linie mit Menschen zu tun und stehen unter Zeit- und Leistungsdruck. Außerdem motivieren mich Erfolgserlebnisse auf dem Platz auch im Beruf und umgekehrt. Aber die Grundlagen müssen natürlich stimmen. Deshalb trainiere ich täglich, außer am Spieltag und am Tag danach. Darüber hinaus bereite ich mich gründlich auf das nächste Spiel vor: Ich schaue mir alle wichtigen Entscheidungen des aktuellen Bundesligaspieltags an, und im Nachgang analysiere ich mithilfe einer DVD das von mir geleitete Spiel. Das frisst Zeit: Ein Bundesligaspiel umfasst mit An- und Abreise sowie der Spielvor- und -nachbereitung gut drei Tage.

Mit 47 Jahren ist nach DFB-Statuten Schluss mit der Ersten Liga. Werden Sie dann woanders weiterpfeifen?
Wagner:
Nach 33 Jahren in kurzen Hosen wird meine Zukunft wohl eher in den langen Hosen stecken. Ich werde als Verbandslehrwart für den Deutschen Fußball-Bund tätig sein und federführend rund 80 000 Schiedsrichter in der Aus- und Weiterbildung betreuen. Wahrscheinlich pfeife ich hin und wieder mal ein Benefizspiel, da ich mich für verschiedene Hilfsorganisationen sehr stark und sehr gerne engagiere.

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