Hoffnungsträger in Strampelhosen
Die Zahl der Nichtleser wächst. Initiativen wie "Lesestart"
wollen das ändern - und adressieren daher bereits Kleinkinder.
Sie sind gerade mal ein Jahr alt, knapp 80 Zentimeter
groß und können das Wort "Buch" noch nicht einmal
aussprechen. Trotzdem oder gerade deshalb erhalten die Eltern der
Kleinkinder ein Lesestart-Set überreicht - vom Kinderarzt zum
Abschluss der in Deutschland üblichen U6-Vorsorgeuntersuchung.
Das Set enthält unter anderem ein Bilderbuch, einen
Vorleseratgeber sowie eine Broschüre mit Buchempfehlungen.
Ziel des 2008 gestarteten Förderprojekts ist es, das
(Vor-)Lesen so früh wie möglich im Familienalltag zu
verankern. Dadurch will man die Weichen für eine hohe
Lesekompetenz und damit auch für bessere Schul- und
Berufschancen stellen. Bis Mai 2010 sollen 500 000 Eltern das
kostenlose Set erhalten. Einer der Sponsoren ist die Heidelberger
Druckmaschinen AG.
Frau Bonewitz, Sie sind Pressesprecherin im Referat Familie und
Kindertagesstätten der Stiftung Lesen in Mainz. Sind
einjährige Kinder nicht viel zu jung für Bücher?
Sabine Bonewitz: Natürlich können
Einjährige noch nicht lesen, aber sie können Bücher
schon sehen, riechen, fühlen, mit ihnen spielen und sie
buchstäblich mit allen Sinnen "begreifen". In der Regel
beginnen Kinder in diesem Alter mit dem Sprechen. Hierbei ist
regelmäßiges Vorlesen besonders wichtig: Es fördert
den Spracherwerb, die emotionale Entwicklung und trainiert
kognitive Fähigkeiten. Außerdem machen diese Rituale das
Lesen zur Gewohnheit. Nicht zu unterschätzen ist dabei der
Vorbildcharakter der Eltern. Sie müssen eine Lesekultur
vorleben: Wenn Kinder ihre Eltern eine Zeitung oder ein Buch lesen
sehen, dann wollen sie das auch machen.
Warum braucht eine Industrienation ein Projekt wie "Lesestart?
Bonewitz: Lesen ist eine Schlüsselkompetenz für
die berufliche Karriere, den gesellschaftlichen Wohlstand und
befähigt zur gesellschaftlichen Teilhabe. Allerdings
beobachten wir bei Jugendlichen eine Leseschwäche. Trotz
allgemeiner Schulpflicht läuft jeder fünfte
15-Jährige Gefahr, nur auf dem Niveau eines
Zweitklässlers oder schlechter lesen zu können. Andere
Industrienationen verzeichnen eine ähnliche Entwicklung. Daher
wollen Projekte wie "Lesestart", "Bookstart" in Großbritannien
oder "Read-to-me" in Kanada und den USA schon sehr früh
gegensteuern. Ziel ist es, die frühkindliche Sprach- und
Leseerziehung in allen Bevölkerungsgruppen, insbesondere in
bildungsfernen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund,
nachhaltig zu verbessern.
Gibt es bereits Ergebnisse?
Bonewitz: Im Freistaat Sachsen läuft
"Lesestart" bereits seit 2006 als Modellprojekt. Hier gaben 10
Prozent der befragten Eltern an, aufgrund unseres Projektes
überhaupt erst damit angefangen haben, mit ihrem Kind
Bücher anzuschauen. Und 30 Prozent greifen jetzt öfter
als vorher gemeinsam zum Buch. Diese Ergebnisse machen Mut und
bestätigen uns darin, die Initiative fortzusetzen. So zeigt
auch das Beispiel Großbritannien, wo die "Bookstart"-Kampagne
bereits seit Jahrzehnten mit großem Erfolg läuft: Die
geförderten Kinder verfügen beim Schuleintritt über
eine höhere Zuhörkompetenz und über deutlich bessere
Fertigkeiten im Lesen und Schreiben als ihre nicht geförderten
Altersgenossen.
"Lesestart" adressiert Kleinkinder. Mit welchen
Aktivitäten will die Stiftung Lesen bei Kindern und
Jugendlichen die Leselust wecken?
Bonewitz: Durch einen unterhaltsamen und spielerischen Zugang
zu Texten. Wir wissen, dass sich gerade Jugendliche aus
bildungsfernen Milieus anhand von Publikumszeitschriften und
altersgerechten Themen für das Lesen begeistern lassen.
Gemeinsam mit Kooperationspartnern entwickeln wir daher spannende
Unterrichtsmaterialien, zum Beispiel für das Projekt
"Zeitschriften in der Schule". Vier Wochen lang können die
Schüler kostenlos in Zeitschriften schmökern und erhalten
dadurch neue Leseimpulse. Zudem haben wir bundesweit mehr als 9 000
ehrenamtliche Vorleser, darunter auch Prominente, die in
Kindergärten, Schulen und Büchereien mit ihren
Zuhörer in spannende Buchwelten abtauchen.
Diese Projekte wecken die Leselust.
Lesestart-Bilderbuchstunde mit der Popband "Silbermond".
Sängerin Stefanie und Drummer Andreas von der deutschen
Popgruppe "Silbermond" lasen Kindern aus dem Märchen
"Steinsuppe" von Anais Vaugelade vor. Die Sechs- bis
Dreizehnjährigen waren begeistert: Sie konnten nicht nur ihre
Stars hautnah kennenlernen, sondern mit ihnen auch fantasievolle
Bilderbuchwelten erleben.
Vorlesekoffer für Kinderheime
Eine gemeinsame Initiative der Deutschen Bahn und der
Stiftung Lesen adressiert Kinder und Jugendliche in Heimen und
ambulanten Betreuungseinrichtungen mithilfe von "Vorlesekoffern".
Prall gefüllt mit Kinderbüchern und -zeitschriften,
didaktischen Spielen und Lesetipps, fördern sie die
Lesekompetenz. Altersgerechten Lesestoff für Jugendliche
bieten die "Bücherkoffer". Über 2 000 Kinderheime und
Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland haben seit
2007 einen der Koffer erhalten. Bis Ende 2010 soll die Zahl der
geförderten Einrichtungen auf 3000 steigen.
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Die Zahl der Nichtleser wächst. Initiativen wie "Lesestart"
wollen das ändern und die Lesekompetenz steigern. Mehr