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Fraktur mon Amour

Diese Liebeserklärung war eine kleine Sensation: ein Buch, gebunden in schwarzes Kunstleder, mit pink leuchtendem Titelsatz und Blattschnitt, prall gefüllt mit exakt 300 Frakturschriften. Ein Werk zwischen Bibel und Lustobjekt. Die 27-jährige Autorin Judith Schalansky über ihr preisgekröntes Buch und die erstaunliche Renaissance der zu Unrecht totgesagten Frakturschrift.

Frau Schalansky, Ihr Buch provoziert und fasziniert. Was waren die Gründe, ein derartiges Buch über die Frakturschrift zu machen?
Schalansky:
Ambivalente Phänomene ziehen mich an. Und Fraktur ist ambivalent: Eigentlich ist sie ja eine tote Schrift. Kein literarisches Werk wird heute noch in Fraktur gesetzt. Andererseits ist Fraktur dann aber doch wieder sehr lebendig. Als Display, als Auszeichnung auf T-Shirts, auf Etiketten oder auf Flyern findet sie erstaunlich oft Verwendung.

Daher also diese ironische Inszenierung: Sie wollten die totgesagte Schrift in ihrer Lebendigkeit zeigen?
Schalansky:
Ja. Das Buch spielt bewusst mit dieser Ambivalenz: einerseits das schwarze Leder, das im klassischen Design mit Mittelachse sehr gediegen daherkommt. Andererseits das leuchtende Pink und der schwärmerische Titel. Beides bricht ja ganz bewusst mit der üblichen Sicht auf Fraktur. Pink steht für das Weibliche und Lustvolle und damit im Gegensatz zum Männlich-Martialischen, das viele mit Fraktur verbinden. Beide Lesarten waren mir wichtig. Natürlich wollte ich durch das fast schon frivole Moment der Kombination dieser beiden Gegensätze auch irritieren - und war selbst ein wenig erschrocken, als ich das Buch das erste Mal in Händen hielt.

Was war der Auslöser für Ihre Liebe zur Fraktur?
Schalansky: Als ich etwa zehn Jahre alt war, habe ich auf dem Nachtschrank meines Vaters eine alte Bibel entdeckt. Ich fand dieses Buch toll: das dünne Papier, den flexiblen Einband - und dann diese alten, seltsamen Buchstaben darin, die mir wie eine Geheimschrift vorkamen. Und als ich dann auch noch entzifferte: "Gott schuf Himmel und Erde" - das war etwas ganz Merkwürdiges. Dieses Erlebnis prägte mich sehr und war mit ein Grund dafür, dass "Fraktur mon Amour" in gewisser Weise wie eine Bibel anmutet.

Welche Rolle spielt denn die Fraktur heute im Druck und Design?
Schalansky: In der Werbung ist sie gerade wieder groß in Mode, zum Beispiel bei Firmen wie Nike oder Reebok. Einige Designer und Künstler verwenden sie, Leute, die auf der Suche nach Neuem sind oder nach etwas, was man neu besetzen kann. Obwohl Fraktur so eigen ist, ist sie offen für ganz unterschiedliche Bedeutungen und Emotionen. Manche sehen in ihr etwas Verstaubtes. Aber sie kann alles Mögliche transportieren, sie kann gemütlich wirken, heimelig oder ganz einfach cool sein. Die "Old English" oder die "Fette Fraktur", das sind die beliebtesten Vertreter, die füllen die ganze Bandbreite aus. Ein Sonderfall ist die martialische "Schaftstiefel-Grotesk" aus den 1930er Jahren, die wird man wohl kaum neu besetzen können.
Sie arbeiten gerade an der zweiten Auflage Ihres Buches, das 33 Schriften mehr, insgesamt also 333 Schriften enthalten wird. Nach welchen Kriterien wählen sie die Schriften aus?
Schalansky: Ich nehme alle gut gemachten Schriften auf, von Verlagshäusern, aber auch solche von Typografie-Freaks. Gerade die zeitgenössischen Frakturschriften zeigen: Unser Schriftenerbe ist immer noch sehr lebendig, und man kann wunderbar damit spielen. Da kommen dann auch schon mal Schriften heraus, die "Fleischwurst" heißen. Aber das ist völlig in Ordnung, weil sie die Bandbreite zeigen. Einfach mal unbefangen das Historische wegschieben und die Schriften anschauen - das ist mir wichtig, weil dieses Erbe ein Kosmos ist, ein Schatz, den man heben sollte.

Ist "Fraktur mon Amour" nun wirklich eine Art Liebesbeweis?
Schalansky: Bei der ersten Ausgabe habe ich zuerst einige Monate gesammelt. Dann aber ging alles sehr schnell: Ich habe mich vom Studium freistellen lassen und drei Monate lang Tag und Nacht durchgearbeitet. Ich merke auch jetzt bei der Arbeit an der zweiten Auflage: Ich muss aufpassen, da mich das Thema so sehr absorbiert, dass ich mich darin verlieren kann. Aber dieses beinahe erotische Verhältnis macht ja Lust darauf, sich mit der Schrift zu beschäftigen.

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Judith Schalansky

Wurde 1980 in Greifswald geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Heute lebt sie als selbständige Gestalterin und Autorin in Berlin und unterrichtet Typografie an der Fachhochschule Potsdam. 2006 veröffentlichte Judith Schalansky "Fraktur mon Amour", das mit der Silbermedaille des Art Directors' Club Deutschland und dem Award for Typographic Excellence des Type Directors' Club of New York ausgezeichnet wurde. Im Frühjahr 2008 erschien mit dem Matrosenroman "Blau steht dir nicht" ihr literarisches Debüt im Hamburger marebuchverlag.

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